Spanische Palmen für Mariazell

Die wirtschaftliche Lage in Österreich war unmittelbar nach Kriegsende aufgrund der Kriegszerstörungen katastrophal – vor allem die Infrastruktur. Der Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung und die Unterernährung verursachten bei einem Großteil der Bevölkerung schwere gesundheitliche Probleme. Besonders betroffen waren Säuglinge, Kinder und ältere Menschen. Mehrere Länder, darunter auch Spanien, luden daher österreichische Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren zu dreimonatigen Aufenthalten bei Familien und in Erholungslagern ein, der erste Kindertransport nach Spanien fand vor 75 Jahren im Frühling 1949 statt.

Alle diese Menschen erinnern sich noch heute sehr gut an diesen „Abschnitt“ ihres Lebens und die meisten von ihnen pflegen im Club Encuentro weiterhin Beziehungen zu denen, die sie üblicherweise „meine spanischen Eltern“ nennen.

Jaime Montanera - Foto: Mariazell Online
Jaime Montanera – Foto: Mariazell Online

Bei der Suche nach den damaligen Gastkindern hat sich ein Mann besonders engagiert: Herr Jaime Montanera, ein großer Förderer der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, leistete mit seiner Aktion „Wurzeln der Freundschaft“ verdienstvolle Öffentlichkeitsarbeit. Er betrieb intensive Recherchen und erstellte schließlich eine Liste mit Namen und Adresse der involvierten Personen, dabei war auch die spanische Botschaft in Österreich immer ein hilfreicher Partner.

Palmprozession in Mariazell - Foto: Mariazell Online
Palmprozession in Mariazell – Foto: Mariazell Online

Montanera besuchte mit seiner Familie bis zum Jahr 2019 alljährlich zum Palmwochenende Österreich und pflegte auch seine freundschaftlichen Kontakte in Mariazell, um hier nicht nur die Magna Mater Austriae, sondern auch die in der Basilika Mariazell aufgestellte Kopie der „Schwarzen Madonna“ von Montserrat, einem Kloster in der Nähe von Barcelona, zu besuchen, die 1960 von spanischen Studenten nach Mariazell gebracht worden war.

Seit 1971 hatte Montanera dabei immer Palmwedel und aus Palmblättern gebundene Kronen aus Spanien im Gepäck, diese wurden von den spanischen Gästen bei der Palmprozession mitgetragen und nach Beendigung der Prozession mit den Palmbuschen der Einheimischen getauscht. Am Vorabend fand alljährlich ein „Spanischer Abend“ im Hotel Drei Hasen statt – immer dabei auch die Stadtkapelle Mariazell unter dem damaligen Kapellmeister Franz Kislinger und dem damaligen Obmann Franz Girrer. Bei einer dreiwöchigen Spanienreise der Stadtkapelle im Jahr 1981 wurde zum Zeichen dieser Verbundenheit eine Steintafel mit der Inschrift „Wurzeln der Freundschaft“ nach Barcelona gebracht und im berühmten Parc Guell aufgestellt, wo sie heute noch zu finden ist.

Stadtkapelle Mariazell in Spanien 1981 - Foto: Werner Girrer
Stadtkapelle Mariazell in Spanien 1981 – Foto: Werner Girrer
Stadtkapelle Mariazell in Spanien 1981 - Foto: Werner Girrer
Stadtkapelle Mariazell in Spanien 1981 – Foto: Werner Girrer

Seit dem Jahr 2020 ist es der Familie Montanera zunächst pandemiebedingt und danach aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr möglich, selbst nach Östereich zu kommen – der Club Encuentro bemüht sich allerdings, diese Tradition fortzuführen, sorgt für den Transport der Palmen von Spanien nach Österreich und organsiert alljährlich am Palmwochenende die Übergabe der spanischen Grüße an den Bundespräsidenten, an die Wiener Sängerknaben, an die spanische Botschaft und natürlich auch an die Freunde aus Mariazell.

Die Gedenktafel im Parc Guell im Sommer 2022 - Foto: Mariazell Online
Die Gedenktafel im Parc Guell im Sommer 2022 – Foto: Mariazell Online

Am Freitag, 22. März 2024 besuchten der Bürgermeister der Stadtgemeinde Mariazell, Walter Schweighofer, sowie die Gemeinderäte Jürgen Ebner und Ing. Werner Girrer die Präsidentschaftskanzlei in der Wiener Hofburg, wo Doris Schmidauer in Vertretung des Bundespräsidenten die Delegation aus Mariazell sowie den Club Encuentro begrüßte und die Osterwünsche, die mitgebrachten Palmen und auch einen Lebkuchengruß aus Mariazell entgegenehmen konnte.

Danach folgte eine weitere Station bei den Wiener Sängerknaben im Augartenpalais, wo nach einem kurzen Auftritt des Chores ebenso spanische Palmen übergeben wurden.

Spanische Palmen, Wiener Sängerknaben, Mariazeller Abordnung - Foto: Mariazell Online
Spanische Palmen, Wiener Sängerknaben, Mariazeller Abordnung – Foto: Mariazell Online

Den Abschluss bildete ein Empfang in der Spanischen Botschaft in Wien, wo die Botschafterin Cristina Fraile allen Beteiligten ihren Dank für die Bemühungen um diese ganz besondere spanisch-österreichiche Freundschaft aussprach.

Ein großer Dank gilt dabei Frau Hildegard Leposa vom Club Encuentro sowie besonders auch Sophie Kislinger, der Enkelin des einstigen Kapellmeisters Franz Kislinger, die sich nach dem plötzlichen Ableben ihrer Mutter Elena nun bereits in dritter Generation für die Pflege dieser Freundschaft und den Weiterbestand und Erhalt dieser Tradition einsetzt.

Weitere Informationen unter www.club-encuentro.com/geschichte.html

Nachfolgend einige Bilder des Tages:

Bericht und Bilder: Mariazell Online

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