Wallfahrt der Völker
Eindrücke vom 22. Mai 2004
Das Fest
Mit einem Aufruf an die etwa 100.000 Christen, am Bau des künftigen Europa mitzuwirken, ist am 22. Mai 2004 die Festmesse
zur "Wallfahrt der Völker" in Mariazell zu Ende gegangen. Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der acht
beteiligten Länder riefen zu Solidarität innerhalb und ausserhalb Europas, zum Schutz des Lebens, der Umwelt und
zur Achtung des Wertes der Familie in der Gesellschaft auf.
Der Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn, plädierte in seiner Predigt für ein Europa der Vielfalt und der Versöhnung.
Er rief dazu auf, die Mauern der Vorurteile, des Misstrauens und der Schuldzuweisungen zu überwinden. Die Zahl der Pilger
schätzte Schönborn auf 100.000.
In seiner Predigt rief Schönborn zum Schutz des menschlichen Lebens auf. Christ sein bedeute, sich der Ungeborenen anzunehmen und die
werdenden Mütter in Not "nicht im Stich zu lassen". Es bedeute aber auch, die Sterbenden zu begleiten. Die Vorsitzenden
der Bischofskonferenzen bezeichneten in der "Botschaft von Mariazell" das Christentum als "Großmacht
weltweiter Barmherzigkeit", die den Respekt und die Dankbarkeit der Zivilgesellschaft verdiene.
Die EU sei geschaffen, jetzt gelte es, Europäer zu schaffen. Das sei ein langwieriger Weg, der viel Geduld erfordere, betonte
der päpstliche Legat, Kardinal-Staatssekretär Sodano. Papst Johannes Paul II. bezeichnete die Wallfahrt in einer Videobotschaft
als wichtiges Anliegen: "Es geht um kein geringes Anliegen: Die Zukunft der Menschen auf diesem Kontinent".










Die Abwicklung
Die Durchführung der "Wallfahrt der Völker" wurde leider durch extremes Schlechtwetter und Regen erschwert.
Die für PKW vorgesehenen Wiesen konnten nicht als Parkplätze genutzt werden. Der Privatverkehr wurde daher großräumig
angehalten, die Teilnehmer wurden mit Shuttle-Bussen nach Mariazell gebracht. Die Zahl der Busse wurde von der Exekutive auf 1.500 geschätzt,
das von der Exekutive im Vorfeld befürchtete Verkehrschaos ist dank der hervorragenden Organisation bis auf einige kleine Zwischenfälle
jedoch ausgeblieben.
Die erwarteten Staus gab es bei der Abreise am Zellerrain. Bis 21 Uhr standen Busse dort in der Warteschlange.
"Kürzer als wir erwartet hatten", betont Stefan Kaltenegger von der Diözese Graz-Seckau, der das Verkehrskonzept
ausgearbeitet hat. Dieses Konzept habe sich "besser bewährt" als erhofft. Ihm wäre ein großer Busbahnhof
freilich auch lieber gewesen, sagt Kaltenegger, aber "das geht auf Grund der Örtlichkeit hier nicht."
Einen unerwarteten Stopp mussten 48 slowakische Pilger bei der Heimreise auf der Wiener Außenringautobahn bei Klausen-Leopoldsdorf
einlegen: Vermutlich wegen eines technischen Gebrechens ging der Motor ihres Busses in Flammen auf. Alle 48 Businsassen
kamen allerdings mit dem Schrecken davon.
Insgesamt fällt die Bilanz bei Veranstaltern wie Einsatzkräften positiv aus. Rotes Kreuz und Malteser schlossen die
Großambulanz Samstag um 21.30 Uhr: Insgesamt gab es 320 Einsätze, hauptsächlich waren erschöpfte Pilger auf dem
Fußmarsch zurück zu den Bussen zu betreuen. Stürze auf den matschigen Wiesen waren schuld an kleineren Brüchen.
Wie hoch die Kosten für die Versorgung der Pilger waren, steht laut August Bäck vom steirischen Roten Kreuz noch nicht fest.
65.000 Portionen Gulasch und Gemüseeintopf wurden allen Samstag nach der Eucharistiefeier ausgegeben, 33 Feldküchen waren im Einsatz.
40 Tonnen Lebensmittel wurden verkocht, 50 Tonnen Mineralwasser in Halbliterflaschen standen bereit.
Das Rote Kreuz ist mit dem Einsatz zufrieden. "Für uns war das im Prinzip ja auch eine Art Katastrophenübung", so Bäck.
"Dieses Ereignis war wirklich einzigartig für uns."
Eindrücke
Verzweifelt steht ein kroatisches Paar auf der Straße. Durchnässt und unterkühlt sucht es nach seinem Reisebus,
doch der ist längst weg. "Der Mann hat gezittert und war völlig am Ende", schildert ein Mariazeller Hotelier.
"Die Leute waren sehr nervös und haben nicht gewusst, wohin." Weil nach der Abreise von Journalisten Zimmer
frei wurden, hat er die müden Pilger einfach in seinem Hotel einquartiert.
Trotz der Menge an Menschen verblieben etwa 30 Personen, die nicht zu ihren Bussen fanden, einige mussten in Mariazell übernachten.
Bei der Menge an Menschen zahlenmäßig nicht viel, dennoch stecken Schicksale dahinter. Wie etwa die bangen Stunden, die eine
Grazerin erleben musste. Sie ist mit ihrem Onkel zur Messe gekommen. Doch der 74-Jährige war plötzlich spurlos verschwunden, sein Handy
nicht eingeschaltet. Der Pensionist, so stellte sich in der Nacht heraus, war aber allein in den Bus nach Graz gestiegen und wohlbehalten
zu Hause angekommen.
Zufrieden mit der Wallfahrt ist auch der Mariazeller Bürgermeister Helmut Pertl. "Wir haben uns sehr gefreut, dass wir diese
Veranstaltung durchführen durften. Es war die größte Veranstaltung, die es im Mariazeller Land je gegeben hat."
Er hofft nun auf die Nachhaltigkeit des Ereignisses. "Es wird in diesen drei Tagen keiner reich geworden sein. Mariazell wird sich
dadurch nicht sanieren." Aber es sei eine ungeheure Werbung für Mariazell gewesen, ist Pertl überzeugt.
"Zwei Stunden Eurovision im Fernsehen, das lässt schon hoffen."
Dennoch bleiben bei genauerer Betrachtung auch einige nicht so schöne Eindrücke. Kaugummi kauende Politiker,
Regierungsmitglieder, die noch während des Festgottesdienstes mit "Höllenlärm" per Hubschrauber das Festgelände verlassen, respektlose
Journalisten, die es nicht für notwendig erachten, in der Basilika ihre Kopfbedeckungen abzunehmen und technisches Personal, welches
mit Schlagbohrmaschinen und ähnlichen Geräten die frisch restaurierten Wände der Basilika beschädigt um
technische Ausrüstung zu befestigen.
Und dann seien da noch die zahllosen Verpflegungsstände erwähnt, die fast ausschließlich durch extra von Auswärts
angereisten, professionellen Standbetreibern aufgestellt und betrieben wurden. So fanden sich an den Wegstrecken Langos-, Schaumrollen-
und Bierstände, teils mit Wucherpreisen, wie ein Grillhendlstand (5,50 für ein halbes Grillhendl) zeigte. Respektlos
versuchten diese auswärtigen Standbetreiber an diesem Tag hier das "schnelle Geld" zu machen.
Die heimische Bevökerung zeigte sich hingegen von der gastfreundlichen und bescheidenen Seite. Kaum ein Betrieb
stellte seine Ware auf die Straße, niemand versuchte aus den Gästen Kapital zu schlagen. Im Gegenteil: man half
verirrten Pilgern, die ihre Busse nicht fanden, man winkte den Pilgern aus den Fenstern zu, man freute sich über die vielen Gäste und
kam diesen mit viel Herzlichkeit entgegen.
Sonntag Vormittag wurde die "Wallfahrt der Völker" dann mit einem Jugendgottesdienst beendet: Trotz teilweise heftigen
Schneeregens feierten die Jugendlichen auf dem mittlerweile völlig durchnässten und matschigen Wiesengelände.
Danach begann das große Aufräumen auf dem 300.000 Quadratmeter großen Festgelände: Die Zeltstadt der Jugendlichen
und die Versorgungszelte mussten abgebaut werden, ebenso die 35 Meter breite Bühne, 10.000 Quadratmeter Bodenmatten und 1200 Meter Zäune.




Die Ausstattung für das rund 300.000 Quadratmeter große Festgelände in St. Sebastian (Bühne, Zelte, Sanitätseinrichtungen,
Kräne, Container, Wasserleitungen) wurde in den vergangenen Wochen von 89 Sattelschleppern angeliefert. Rund 60 Arbeiter waren mit den
Vorbereitungen beschäftigt. Verlegt wurden 10.000 Quadratmeter Schwerlast - und 4.000 Leichtlastböden, Zelte mit rund 30.000
Quadratmetern Fläche wurden aufgestellt.
Dazu kamen rund 1.000 Meter Alu-Traversen, zwei 19 Meter hohe Kräne, 120 Kubikmeter Holz, zwei Kilometer Wasserzuleitung mit einem
stündliche Durchlauf von 2.000 Litern. Weiters wurden zwölf Containertribünen in Position gebracht und 1.270 Meter Zäune
und Gitter aufgestellt.
Weitere Impressionen, Bilder und Berichte finden Sie unter folgenden Links (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
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